Eine Nachricht tippen, abschicken, zwei Haken sehen, Antwort erwarten – möglichst sofort. So funktionieren die meisten Messenger. Die App Slowly macht es bewusst anders: Wer hier schreibt, schreibt einen Brief. Und dieser Brief ist erst einmal unterwegs.
Skizze: KI-generiert (Claude)
Wie Slowly funktioniert
Wer mitmacht, legt sich einen Spitznamen und einen gezeichneten Avatar an – ein Foto ist nicht nötig. Brieffreundinnen und Brieffreunde findet man über gemeinsame Interessen, Sprachen und Länder, oder die App schlägt jemanden vor. Bevor es losgeht, müssen alle den Hausregeln der App zustimmen.
Dann wird geschrieben. Der Brief geht aber nicht sofort raus: Je weiter die beiden Menschen voneinander entfernt sind, desto länger ist er unterwegs – laut Wikipedia zwischen einer halben Stunde und 60 Stunden. In einem Testbericht von MobileSyrup brauchte ein Brief aus Großbritannien rund 15 Stunden. Auf jeden Brief kommt eine virtuelle Briefmarke. Fotos und Sprachnachrichten lassen sich nur verschicken, wenn das Gegenüber zustimmt.
Woher die App kommt
Entwickelt haben Slowly Kevin Wong Ho-yin und JoJo Chan Sau-wun; heute steht die Firma Slowly Communications Ltd. dahinter, die Wikipedia Hongkong zuordnet. Die App erschien am 14. Februar 2017, am Valentinstag, zuerst für iPhones. Die Android-Fassung folgte ein Jahr später, 2019 kam eine Web-Version dazu. Slowly gibt es in 26 Sprachen.
Im Januar 2019 zählte die App eine Million Nutzerinnen und Nutzer. Im selben Jahr zeichnete Google Play sie als „Best Breakthrough App“ aus. Aktuelle Nutzerzahlen haben wir nicht gefunden.
Wie sich Slowly trägt
Schreiben und Lesen sind kostenlos. Geld verdient die App mit Briefmarken: Manche gibt es zu besonderen Anlässen geschenkt, andere kauft man im Briefmarken-Laden mit „Slowly Coins“. Diese Münzen kauft man für echtes Geld oder verdient sie, indem man sich kurze Werbeclips ansieht. Seit 2020 gibt es außerdem die bezahlte Mitgliedschaft Slowly Plus, die unter anderem mehr Brieffreundschaften gleichzeitig und das Verschicken von Fotos erlaubt.
Wer die App nutzt, sollte das wissen: Die Briefmarken sind ein Sammelspaß, aber auch das Geschäftsmodell. Notwendig sind gekaufte Marken zum Schreiben nicht.
Was uns daran beeindruckt
Dieser Abschnitt ist unsere Einschätzung.
Fast jede App versucht, uns schneller und häufiger zurückzuholen. Slowly baut absichtlich eine Pause ein – und macht sie zum Kern des Produkts. Das ist ein schönes Beispiel für einen Nudge: Niemand wird gezwungen, sich Zeit zu lassen. Aber weil der Brief ohnehin unterwegs ist, lohnt es sich, ihn sorgfältig zu schreiben. Und weil die Antwort nicht sofort kommt, freut man sich auf sie.
Uns gefällt auch, worum es geht: nicht um Reichweite, Likes oder Profilfotos, sondern darum, einem Menschen am anderen Ende der Welt zuzuhören und etwas von sich zu erzählen. Eine Geschäftsidee, die nicht schneller sein will als alle anderen, sondern langsamer – und genau damit ihren Platz gefunden hat.
Zur Verbindung
Philipp Ludwig Weber, Gründer von Nudge Up, hat Slowly selbst ausprobiert und nutzt die App gern; auch eine Freundin von ihm schreibt dort Briefe. Eine geschäftliche oder persönliche Verbindung zu den Macherinnen und Machern der App besteht nicht, und für diesen Beitrag bekommen wir nichts.